Aus der Traum – oder?

ORF III hat gestern im Rahmen eines Themenabends drei sehr kritische Dokumentationen rund um das Thema „BIO“-Lebensmittel gezeigt.

Die Wahrheit über Bio (2019)

Die Dokumentation von Wolfgang Winkler nimmt sich der Misskonzeptionen an, die das Label „BIO“ bei den Konsumenten hervorruft. Nicht jede Eigenschaft, die man einem Bio-Produkt zuschreibt, ist dann auch tatsächlich gewährleistet. Das hat nicht in erster Linie mit Betrug zu tun. Es handelt sich um tiefgreifende Missverständnisse darüber, was von einem Bio-Siegel gewährleistet wird – und was man nur landläufig meint, dass gewährleistet sei: die vermeintliche Gesundheit, also etwa die Freiheit von Schadstoffen, ist dabei nur das herausragende Merkmal. Produktions- und Arbeitsbedingungen sind ein anderer Bereich, in dem die Dinge durchaus auch bei Bio-Produzenten im Argen liegen können.

Bio zwischen Wahn und Sinn (2016)

Der Tenor der Dokumentation von Torsten Mehltretter ist ähnlich gelagert wie in der von Wolfgang Winkler. Das Label „BIO“ suggeriert den einen Gesundheit und ethische Standards, verspricht den anderen einen Ausweg aus der Spirale des Preisverfalls bei konventionell erzeugten Lebensmitteln. Erhellend ist, wie wenig beides aufgeht. Pestizide finden sich ganz selbstverständlich heute genauso häufig und stark in Bio-Gemüsen wie in konventioneller Ware – allerdings ist die Konzentration bei den konventionellen Produkten zurück gegangen. Die Übernahme des Bio-Segments durch die großen Handelsketten und die Diskonter hat die Erzeugerpreise inzwischen fast auf das Niveau konventioneller Produkte gedrückt. Was aber von der Bio-Umstellung in der Landwirtschaft bleibt, ist ein schonenderer Umgang mit den Ressourcen – wenn es sich nicht um Produktionsbetriebe handelt, in denen die Methoden der industriellen Produktion unter zum Teil fragwürdigen Bio-Siegeln weitergeführt wird.

Die Bio-Illusion – Massenware Ökosiegel (2014)

Die Diskrepanz zwischen dem, was ein Siegel zu versprechen scheint, was es tatsächlich prüft und gewährleistet, und was dann tatsächlich drin ist in der Ware könnte größer nicht sein. Seit der Bedarf an Bio-Lebensmitteln exorbitant gestiegen ist, macht die Produktion auf industriellem Niveau ökonomisch Sinn. Den Produzenten verspricht „BIO“ mehr Geld für ihre Arbeit. Solange hier ein Unterschied zu erwarten ist, zieht das auch Produzenten an, die es weniger genau mit den Vorgaben nehmen. Und in der längst eingetretenen Globalisierung der Bio-Landwirtschaft sind wir immer mehr auf fragwürdige Prüfungen oder zumindest verzweifelte Bemühungen in Ländern angewiesen, wo die Einhaltung der bei uns mühsam errungenen Standards alles andere als nachvollziehbar ist. Dazu kommt dann noch die Problematik, dass Nahrungsmittel für europäische Märkte in Ländern und mit Ressourcen produziert werden, die im lokalen Kontext problematisch sind, ganz abgesehen einmal davon, dass sie die wirtschaftlichen Grundlagen der heimischen Bio-Produzenten untergraben. Regisseur der Dokumentation ist Christian Jentzsch.

Was bleibt?

Im Vordergrund steht einmal die Erkenntnis, dass dem Handel nicht zu trauen ist. Der enorme Druck auf die Preise, den die Ketten und Diskonter auch bei Bio-Ware auf die Produzenten ausüben, sorgt schon systemimmanent dafür, dass sich dieselben Probleme wie bei konventioneller Ware herausbilden: die strikte Auswahl der Lebensmittel nach optischen Kriterien sowie Transport- und Lagerfähigkeit sortiert Teile der Produktion aus, die dann nicht mehr verkäuflich sind. Zusätzlich haben längst industrielle Methoden mit allen bekannten Nachteilen auch in der Bio-Landwirtschaft Einzug gehalten. Und die Gesundheit der Produkte ist alles andere als klar: bei Tests auf gesundheitsgefährdende Keime schneiden Bio-Produkte nicht besser ab als konventionelle. Dabei macht es keinen Unterschied, ob die Bio-Ware vom Diskonter, aus Ketten oder aus dem spezialisierten Bio-Lebensmittelhandel stammt. Aber: mit Keimen hat keines der Bio-Siegel etwas am Hut.

Bio steht nicht für Lebensmittelsicherheit generell…

Ernüchternd. Diese drei Sendungen sind eindeutig dazu geeignet, das Vertrauen in eine Idee zu erschüttern, die eigentlich angetreten ist, die Welt zu verbessern. Da bleibt die Erkenntnis, dass man als einzelner Konsument nur denjenigen Produzenten vertrauen kann, die man aus eigenem Augenschein kennt. Und oft nicht mal das; mangelndes Problembewusstsein bis hin zu krimineller Energie sind auch bei Bio-Aposteln vorhanden, kommt nur darauf an, worum es geht.

Auf der anderen Seite ist der Glaube an kleinteilige, ehrliche Arbeit in der Bio-Landwirtschaft pure Nostalgie und befriedigt eine Sehnsucht nach der heilen Welt, die so immer weniger eine Grundlage in der realen Welt hat. Aufgabe der Landwirtschaft insgesamt ist es, uns zu ernähren. Und wir Konsumenten bevorzugen niedrige Preise – ob das nun vernünftig oder gerecht ist oder nicht. Vor allem, wenn der Preis allein rein gar nichts mehr über die Qualität aussagt, auch nicht bei Bio. Traurig, aber nicht verwunderlich.

Wirtschaften oder träumen

Für den einzelnen Bio-Landwirt ist es durchaus möglich, seinen Traum von vernünftiger Produktionsweise – nachhaltig, ressourcenschonend, umweltfreundlich, tiergerecht usw. – umzusetzen. In dem Moment aber, in dem er diese Ware verkaufen möchte, und das nicht mehr nur im Kreis jener Konsumenten geht, die er persönlich kennt und die ihm vertrauen, muss er sich einem der Zertifizierungsprozesse und Kontrollorgane unterwerfen. Damit hält eine überbordende Bürokratie Einzug, die schon einige der dem genussfaktor bekannten Bio-Produzenten dazu bewogen hat, aus dem (zertifizierten) Bio-Zirkus wieder aus zu steigen – oder andere davon abhält, einzusteigen. Brutal wird das, wenn einem Produzenten dann – vor allem institutionelle – Kunden abspringen, weil sie sich auf Bio verpflichtet haben.

War Bio vor ein paar Jahrzehnten noch eine Garantie für deutlich bessere Preise, aber mit einem mengenbeschränkenden Absatzproblem verknüpft, so ist Bio im Zeitalter der Massenware so billig geworden, dass der überbordenden Bürokratie nur noch ein geringer Mehrerlös gegenüber steht.

Zudem erfordern die Mengen, die der Handel nachfragt und umsetzt, andere Produktionsweisen als die von versponnenen Idealisten. Und damit sind wir im Nu wieder bei der industriellen Landwirtschaft angekommen. Der Kreis hat sich geschlossen…

Aus der Traum. Dieselben Mächte kontrollieren Angebot, Warenströme und Preise – und warum? Weil die Konsumenten dieselben sind.

Das Gut an der Bio-Welle war: die biologisch bewirtschafteten Flächen steigen hierzulande, was positive Auswirkungen auf fast alle Umweltindikatoren und unsere Lebensqualität im weitesten Sinn hat. Bleibt nur zu hoffen, dass die Produzenten nicht von der Bio-Globalisiserung an die Wand gedrückt werden.

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